Leben mit Behinderung

OMI-Gruppen im Selbsterfahrungsexperiment zum Thema "Behinderung".

Borken-Burlo

Christina, 16, sitzt im Rollstuhl. Eben noch von neugierigen Blicken verfolgt oder demonstrativ übersehen, bestellt sie nun am Außenschalter einer Eisdiele ein Eis. Zu dumm nur, dass sie die Sorten, nach denen sie gefragt wird, im Sitzen gar nicht erkennen kann...

Mit dem Rolli, einem Sportrollstuhl, kurvt Michael, 15, durch die Turnhalle des Benediktushofs in Reken: Leistungssport auf Rädern. Gute zwei Stunden dauert die Trainingseinheit, bis er keuchend und grinsend zum Ausgang rollt.

Schüler setzen sich in Rollstuhl

Christina und Michael sind nicht gehbehindert.  Sie besuchen die 9. bzw. 10.Klasse des Gymnasiums Mariengarden in Burlo und sind Mitglieder der OMI-Jugendwegung der Oblatenmissionare. Die beiden Mitglieder den Gruppen "Pater Cebula" und "Pater Bänsch" hatten sich in einer ihrer Gruppenstunde über ihre Erfahrungen und Meinungen rund um das Leben mit Behinderung ausgetauscht. Dann wurde aus der Theorie ein ganz praktisches Selbsterfahrungsprojekt am Beispiel von Gehbehinderung: Mit ihren Mitstreitern wagten sie die Probe aus Exempel:

Einen Nachmittag als Rollstuhlfahrer unterwegs in der Borkener Innenstadt - mit diesem Vorsatz machten sich die rund 16 Jugendlichen paarweise auf geliehenen Stühlen auf den Weg in Kaufhäuser, Kirchen, Toiletten, öffentliche Einrichtungen - und entdeckten manche bis dahin unbewusst gebliebene Hürde. "Ich kam mir richtig komisch vor, so im Rollstuhl zu sitzen", erklärt Christina später nachdenklich, "man kommt nicht überall hin und es ist schon ziemlich peinlich, wenn die Leute einen nicht grüßen, sondern beschämt weggucken."

"Es hat riesigen Spaß gemacht"

In einer weiteren Phase ihres Projektes wurde die Behinderteneinrichtung "Benediktushof" in Reken besichtigt. Eine Rollstuhlsportlehrerin lud die OMI-Jugendlichen zu einem kompletten Rollitraining ein: "Es hat riesigen Spaß gemacht, aber nach dem Training war ich völlig erschöpft!", resümiert Michael und ist zugleich noch immer erstaunt, wie beweglich man im Rollstuhl sein kann: "Ich kannte das so vorher nicht, aber ich könnte mir auch vorstellen, in einer gemischten Sportgruppe mit Behinderten zusammen zu trainieren".

Im Dezember schließlich steht für die OMI-Gruppen eine weitere Phase ihres Projektes an: ein Rolli-Volleyballspiel gegen eine Behindertensportgruppe. Zwar rechnen sich die Jugendlichen gegen die "Rolli-Profis" kaum Chancen aus, freuen sich aber schon auf ihr Spiel und das Vorbereitungstraining.

"Leben" - so lautet das landesweite Jahresthema der OMI-Jugend. "Leben - mit Behinderung" ist eine Facette dieses Komplexes, derer sich die Jugendgruppen aus Burlo unter der Leitung von Pater Felix Rehbock OMI widmen.

"Alle haben gelernt"

"Ich denke, alle haben gelernt, dass der Begriff »behindert« häufig negativ besetzt ist oder völlig undurchdacht gebraucht wird. Außerdem ist er sehr undifferenziert - schon allein, was Dauer oder Umfang der Behinderung betrifft. Er öffnet lediglich leichtfertig eine Schublade und manövriert Menschen ins Abseits", fasst Pater Rehbock Ergebnisse und Rückmeldungen der Jugendlichen zusammen.

Die OMI-Gruppen wollen dabei mit ihrer Aktion nach Möglichkeit nicht nur ihr eigenes Bewusstsein schärfen und ihr Blickfeld erweitern, sondern möglichst auch öffentlich für Akzeptanz werben. Zu einem möglichst "normalen" Leben trägt ihrer Erfahrung nach neben Entwicklung moderner technischer Hilfsmittel besonders auch die Akzeptanz durch Nicht-Behinderte bei. "Letztlich haben wir irgendwie alle eine Art »Behinderung« und leiden daran", ist sich Michael sicher, "nur können es viele äußerlich nicht sehen!"